Kommentar von Christiane Fischl

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Für mich als Kind war die Vorstellung eines „Jesus“-Musicals in seinem vordergründig leichtfertigen Umgang mit Jesus´ Leben nahezu blasphemisch, ich bin katholisch und sehr konservativ erzogen worden und die Möglichkeit, dass Jesus an seinem „Auftrag“ gezweifelt haben könnte, war einfach widersinnig. Das kam im katholischen Weltbild der Selbstaufopferung nicht vor – ebenso wie in der Lebenswirklichkeit meiner Eltern. Dummerweise zweifelte ich gerade deshalb daran, dass das alles so war, wie es schien. Und dadurch auch am gelehrten Glauben.

Bis ich mit knapp 16 dann eine Aufnahme in die Finger bekam von „Gethsemane“. Ganz bewusst. Schlagartig damit kam die Erkenntnis: Jesus war ein realer Mensch. Mit realen Zweifeln, Träumen, Bedürfnissen, Sorgen, Hunger, Kälte, dem wirklichen Leben unterworfen. Anders kann das gar nicht gewesen sein! Diese Gewissheit stellte meinen Glauben endlich auf eine solide Basis, damit konnte ich mich identifizieren! Zur Verwunderung meiner Eltern. Aber auch zu ihrer Freude. Verstanden haben sie es – glaube ich – nie so richtig…

Dieses in so ausdrucksstarke Zweifel gegossene Lied, diese so sehr in mein Leben passende Infragestellung des Selbstwerts, der Selbstwahrnehmung und finale Akzeptanz dessen, dass Gottes Wege zwar unergründlich, aber nie sinnlos sind, hat mein Leben nachhaltig geprägt. 

 

Christiane Fischl

Kommentar von Carsten Schinzer    

Endlich biegen wir - nach dutzenden Stunden freiwilliger Arbeit im Organisationsteam - auf die Zielgerade ein: Die Karten sind fast restlos verkauft, die Technik organisiert und bestellt, die Besetzung seit Wochen endgültig klar, die Texte für Programmhefte redigiert und morgen im Druck und ich merke: Dieses Werk hat mich fest in seinen Bann gezogen.

Das wäre mal der Text - zum Glück singen wir englisch! Ich habe große Teile der deutschen Übersetzung für das Programmheft abgetippt und merke doch - der Ausdruck, noch dazu mit erzwungenem Reim, ist einfach nicht derselbe wie im Original. Beruflich habe ich sehr viel mit englischen Native-Speakern zu tun und weiss: Der Text von Tim Rice kann auch heute noch locker als Street-English durchgehen; so sprechen die Leute auf der Strasse. Die Textfetzen aus der Marktszene im Tempel sind mir von amerikanischen Werbespots durchaus vertraut. Die drängenden Fragen einzelner an den verhafteten Jesus sind wie aus der Pressekonferenz eines in Bedrängnis geratenen Politikers mitgeschnitten; man spürt förmlich wie eine aufdringliche Journaille die Neugier ihrer Leserschaft befriedigen will!

Dennoch, am Ende berührt mich gar nicht so sehr die Jesusfigur - seine Zweifel klingen durchaus auch in der Matthäuspassion an. Und Jesus als der “erste neue Mann”, der auch lieben darf, auch eine Person, nicht nur in göttlicher, sondern durchaus auch in erotischer Hinsicht - das klang auch in etlichen Büchern und Artikeln an, die ich in meiner Jugend über den Menschen Jesus gelesen habe. Maria Magdalena als mögliche “Braut Jesu” ist mir als Bild vertraut, spätestens seit den genialen Action-Romanen von Dan Brown.

Es ist die Darstellung von Judas, die mich am meisten beeindruckt und eine neue Perspektive öffnet. Schon sein erster Song zeigt seine ganze Enttäuschung über den Personenkult um Jesus und klärt uns über die Motive seines “Verrats” auf. Er ist der unverbesserliche Idealist, den ich oft auch in mir erkenne. Der eigentlich immer geradeaus will und nicht fassen kann, dass Jesus alles mit sich machen lässt. An dieser Rolle wird mir klar, dass sich göttlicher Wille und Fügung aus unserem Miteinander als Gemeinschaft ergeben und nicht aus einem Innenverhältnis von Gott und mir. Schließlich der abgeklärte Text, den Judas kurz vor der Kreuzigungsszene mit Blick auf Jesu “Mitbewerber” singt: Buddha, Mohammed; hey, Jesus, was ist denn nun dein Markenzeichen? Warum sollten die Leute dir folgen und nicht den anderen Lehrern? Er ist geläutert, hat sich als Werkzeug in einem anderen Plan erkannt und distanziert sich.

Meine Beziehung zu "Jesus Christ Superstar" begann tatsächlich erst 2018. Ich bin zwar schon über fünfzig, aber den damaligen Hype um dieses Werk habe ich verpasst, da unsere Familie zur Zeit der Uraufführung zu einem Missionsauftrag in Kamerun war und wir dieses Thema einfach im Urwald nicht mitbekommen hatten.

Später hatte ich natürlich immer wieder auch Plakate und Werbung gesehen, aber das klang mir immer zu reißerisch - ein Musical über Jesus, naja, was wird das schon sein. Und dann noch dieser Titel mit einem “Superstar” drin, das war mir dann gleich noch suspekter. Ich wunderte mich dann schon, als wir über die Organisation dieses Projekts zu sprechen begannen, dass einige so voller Feuer, Vorfreude und Opferbereitschaft zur Sache gingen.

Den Film sah ich mir an - tolle Besetzung und auch eine abenteuerliche Wüstenszenerie, aber so richtig sprang der Funke nicht über. Na klar, kannte ich den einen oder anderen Hit ja dann doch, aber ob mich das berühren würde wie eine der barocken Passionen? Heute sage ich: Ja, ganz klar. Unser Regisseur hat ein sehr schlüssiges Konzet ausgearbeitet, das jegliche Diskussion um Kommerzielles beiseite schiebt, billige Effekte auslässt und Text und Musik in den Mittelpunkt stellt. Lloyd-Webber ist ein versierter Musiker, der weiss was geht, wie auch ein Brahms das sehr genau wusste.

Übrigens: Antworten auf die vielen Fragen, die sich die Personen in Jesu Umfeld stellen, erhalten wir bis zum Ende des Stücks nicht. Das Stück regt zum Nachdenken an, ist brutal ehrlich (und auch brutal gewalttätig). Es passt mit seiner Ehrlichkeit und seinen aktuellen Texten genau in das Bild, das ich von einer aufgeklärten christlichen Gemeinschaft habe. Zweifeln ist nicht nur erlaubt, sondern ist das Einzige was uns wirklich zu neuer Erkenntnis bringt.

Eine solche Gemeinschaft fühle ich auch in der Christuskirche, in jedem Gottesdienst. Deshalb bin ich stolz, dass wir diese Aufführung bei uns machen, dass wir mit so begabten und motivierten Nachwuchstalenten arbeiten dürfen, dass wir die vielen organisatorischen Themen und Überraschungen bewältigt haben, und bereue keine der vielen Vorbereitungsstunden, die wir hinein gesteckt haben.

Carsten Schinzer, Februar 2019

Kommentar von Gisela Mittelsten-Scheid

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Als Religionslehrerin in Rosenheim wurde ich 1970/71 auf die Schallplattenaufnahme „Jesus Christ Superstar“ aufmerksam – vermutlich durch unsere damaligen jungen und progressiven Vikare.
Gemeinsam mit ihnen und anderen kritischen Gemeindemitgliedern, lieferten wir uns heftige Auseinandersetzungen mit den konservativen Kräften, denen die Aufbruchsstimmung der 68er Generation absolut nicht passte.
Wir nannten uns „lebendige Gemeinde“ (nicht zu verwechseln mit einer konservativen Strömung gleichen Namens).
Wir wollten uns nicht mit den „alten Zöpfen“, abfinden, wir wollten eine Kirche, die ihre Mitglieder ernst nimmt und ihre Zweifel zulässt, in der um den rechten Glauben, den „rechten Weg“ gestritten werden darf.
In diese aufgeheizte Atmosphäre passte es gut, dass Webber/Rice die Passion Jesu ganz anders erzählten als wir das gewohnt waren und das auch noch mit so großartiger Musik.
Die Aufnahme ersparte mir viele Stunden Unterrichtsvorbereitung.
Weil meine Schülerinnen in Rosenheim von Musik und Text ebenso fasziniert waren wie ich, hörten wir die Schallplatte mehr als einmal, übersetzten den Text und diskutierten uns die Köpfe heiß.
Eine meiner ehemaligen Schülerinnen, mit der ich noch in losem Kontakt bin, bat ich, mir ihre Erinnerung an damals mitzuteilen.
Sie schreibt:
„Wir hatten Dich glaub ich 1969 - 1971 als Reli-Lehrerin.
Das alleine war schon für uns toll. Du warst jung und modern, heute würde man sagen cool.
Die Platte kam 1970 (?) auf den Markt?
Wir fanden es klasse, keinen langweiligen Gähn-Unterricht zu haben sondern mit diesem damals provokanten Musical, den religiösen Inhalt zu vergleichen, der Provokation Rockmusik den Stachel zu nehmen und fanden den Inhalt im Hier und Jetzt wieder.
Wir haben diskutiert und waren von der Musik mitgerissen. Religion wurde lebendig :)
Wir wurden beneidet um diesen Unterricht!!
Ich hatte mir die Platte von meinem Taschengeld gekauft und wochenlang die Texte übersetzt.
Leider ist die Platte in den Umzügen auf der Strecke geblieben.
Mal sehen, vielleicht hole ich sie mir wieder.“
Ich habe die Platte (das Album) von damals immer noch. Das kratzende Geräusch beim Abspielen bringt mich zurück in die Zeit, als man von CDs, Computern und Smartphones noch nichts ahnte.
Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich in diesem Musical einmal mitsingen würde.
Als unser Chorleiter, Andreas Hantke, vor einigen Jahren davon sprach, „Jesus Christ Superstar“ aufführen zu wollen, war ich sofort begeistert.
Da von vornherein klar war, dass die Kosten eines solch hochkarätig besetzten Stückes unsere Finanzen sprengen würden, erklärte ich mich spontan bereit, das Defizit zu übernehmen.
Der Fehlbetrag, der nicht durch Eintrittsgelder und Zuschüsse gedeckt werden kann, ist zwar noch viel höher als ursprünglich angenommen, aber dieses großartige Musical nach 45 Jahren wieder in unsere Christuskirche zu bringen und dabei auch noch mitmachen zu dürfen, ist so wunderbar und einmalig - was ist dagegen schon Geld?!

Kommentar von Stephan Gerken

1973 war ich 16 Jahre alt und Lehrling. Unser Jugenddiakon hatte Schallplatten „aus dem Westen“ besorgt, und wir wollten uns im Gemeindehaus „Jesus Christ Superstar“ anhören. Natürlich freuten wir uns darauf, aber das war eindeutig etwas Verbotenes. Denn wenn von der Passion Jesu (meine Mutter sprach immer vom „Herrn Jesus“) die Rede war, musste man betroffen gucken. Ich hatte im Konfirmandenunterricht gelernt, dass Jesus für mich gestorben ist. Und jetzt lag eine schöne, poppige (wir sagten „bobbsche“) Plattenhülle vor uns, so schön wie die von Deep Purple oder den Rolling Stones. Nachdem der Jugenddiakon ein paar erläuternde Worte gesagt hatte, ging es los, knister knister, mit der Nadel in der Rille. Bei den Arien von Maria Magdalena war dann alles gut. Meine Mutter hatte mir beigebracht, dass man ein Mädchen heiraten muss, wenn man sich intensiv mit ihr geküsst hat. Und jetzt machte Jesus so etwas. Das war wunderbar, und ab da hatte ich kein schlechtes Gewissen mehr beim Knutschen. Zurück zur biblischen Geschichte. Jesus, seine Jünger und Maria Magdalena waren offenbar die Guten, und Kaiphas, Herodes und Pontius Pilatus die Bösen. Aber wieso stritten sich die Guten untereinander, und wieso schoben die Bösen ständig den schwarzen Peter hin und her? Das war mir zu kompliziert, zumal wir ja so gut wie kein Englisch verstanden. Aber Jesus wurde auf einmal ein Mensch für mich, einer der säuselte, rumschrie und schmuste. So fand ich den Titel „Superstar“ unpassend, eher Freund oder Freundin.

Nun bin ich 62 Jahre alt und gehe zu den Proben für unsere Aufführung. Wer ist Jesus für mich heute? Beim Singen von „Hosanna, Hey Sanna, Sanna Sanna Ho“ werde ich wieder zu einem Blumenkind von 1973, und so ein Blumenkind ist Jesus dann auch für mich. Er ist jemand, der „Selig sind die Sanftmütigen und Barmherzigen“ gesagt hat. Jemand, der „Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein“ gesagt hat, ein schwieriger Satz für mich, weil ich mein Geld mit juristischen Aspekten verdiene. Er steht für die Auflehnung gegen verknöcherte Strukturen und Gewohnheiten, das mag ich. Bei „für mich gestorben“ denke ich manchmal an den Steuermann aus „John Maynard“ von Theodor Fontane. Der ist für seine Mitreisenden gestorben. Bei Jesus ist das anders, da geht es um meine Sünden. Geheimnisvoll. Schön geheimnisvoll. Er ist immer noch ein Freund oder eine Freundin.                                                                                                                                

Stephan Gerken, Jan. 2019

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